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Pre-Commissioning: Vorinbetriebnahme, Ablauf und typische Fehler

Pre-Commissioning bezeichnet die systematische Prüf- und Vorbereitungsphase, die nach der mechanischen Fertigstellung einer Anlage beginnt und sicherstellt, dass alle Systeme fehlerfrei, sauber und dokumentiert für die eigentliche Inbetriebnahme bereitstehen. Die Phase umfasst Funktionsprüfungen ohne Prozessmedien, Reinigungsmaßnahmen, Drucktests und Konformitätschecks gegen P&IDs, wobei jede abgeschlossene Aktivität im Pre-Commissioning Dossier festgehalten wird.

Was passiert im Pre-Commissioning genau?

Pre-Commissioning startet, sobald das Mechanical Completion Certificate (MCC) ausgestellt wurde. Der Baukontrolleur übergibt formal an das Commissioning-Team, das ab diesem Punkt die Verantwortung für alle weiteren Prüfungen übernimmt. Typische Aktivitäten sind: Spülen und Reinigen von Rohrleitungen, Druckprüfungen, Kalibrierung von Instrumenten, Isolationsmessungen an Elektroinstallationen sowie Loop-Checks der Steuerungslogik. Entscheidend ist, dass alle Prüfungen ohne Betriebsmedien, also ohne Prozessgas, Dampf oder Chemikalien, stattfinden. Erst nach erfolgreichem Abschluss und schriftlicher Freigabe beginnt das Commissioning mit echten Prozessmedien.

Wie unterscheiden sich Pre-Commissioning, Commissioning und Start-up?

Die drei Phasen bauen direkt aufeinander auf und dürfen nicht verwechselt werden.


Pre-Commissioning: Statische und stromlose Prüfungen, keine Prozessmedien, Ziel: Anlage ist sicher und vollständig installiert.


Commissioning: Dynamische Tests unter realen Betriebsbedingungen mit Prozessmedien, Ziel: Anlage funktioniert wie geplant.


Start-up: Erstbetrieb in Produktionsmode, Ziel: Erreichen stabiler Betriebszustände und Durchführen von Performance-Tests.


Ein häufiger Fehler ist, Commissioning-Aktivitäten in die Pre-Commissioning-Phase zu ziehen, weil der Zeitplan unter Druck gerät. Das erzeugt Sicherheitsrisiken, weil Systeme mit Medien beaufschlagt werden, bevor alle statischen Prüfungen abgeschlossen sind. Die Phasengrenzen müssen eingehalten und schriftlich freigegeben werden.

Welche Prüfungen gehören zum Pre-Commissioning Pflichtprogramm?

Der Prüfumfang variiert je nach Anlage, aber bestimmte Aktivitäten sind branchenübergreifend Standard.

  1. P&ID-Konformitätsprüfung: Jede installierte Komponente wird gegen die aktuellen Verfahrensfließbilder abgeglichen. Abweichungen werden als Punch-Items erfasst und priorisiert.
  2. Spülen und Reinigen (Flushing): Rohrleitungen werden mit Wasser oder Stickstoff gespült, um Schweißreste, Zunder und Schmutzpartikel zu entfernen. Rückstände in Pumpen oder Verdichtern verursachen spätere Lagerschäden.
  3. Drucktests (Pressure Testing): Rohrleitungen und Behälter werden auf Dichtheit geprüft, entweder pneumatisch oder hydraulisch. Ergebnisse müssen dokumentiert und von einer autorisierten Stelle abgenommen werden.
  4. Elektrische Isolationsmessungen: Motoren, Kabeltrassen und Schaltanlagen werden auf Isolationsfehler geprüft, bevor Spannung angelegt wird.
  5. Loop-Checks: Jeder Mess- und Regelkreis wird vom Feldgerät bis zur Steuerung durchgetestet, um Verdrahtungsfehler und Konfigurationsprobleme zu identifizieren.

Was ist der Unterschied zwischen Pre-Commissioning und FAT?

Pre-Commissioning findet immer auf der Baustelle statt, nach Installation aller Komponenten. Das Factory Acceptance Testing (FAT) hingegen wird beim Hersteller durchgeführt, bevor die Anlage oder Maschine überhaupt ausgeliefert wird. FAT prüft die Funktion unter Laborbedingungen. Pre-Commissioning prüft, ob die Anlage den Transport, die Montage und die Vor-Ort-Installation schadlos überstanden hat und korrekt verschaltet wurde. Beide Prüfungen ergänzen sich: FAT-Ergebnisse dienen als Referenz für den späteren Soll-Ist-Vergleich im Pre-Commissioning. Stimmen die Messwerte nicht überein, liegt entweder ein Transportschaden oder ein Installationsfehler vor.

Welche Fehler entstehen, wenn Pre-Commissioning übersprungen oder verkürzt wird?

Unvollständiges Pre-Commissioning ist eine der häufigsten Ursachen für verzögerte Anlagenabnahmen und teure Nacharbeiten.

Konkrete Risiken aus der Praxis:

  • Schmutzpartikel in ungespülten Rohrleitungen zerstören Pumpengleitringdichtungen wenige Stunden nach dem Erstbetrieb.
    Nicht erkannte Verdrahtungsfehler führen dazu, dass Sicherheitsabschaltungen in die falsche Richtung wirken.
  • Fehlende Drucktestprotokolle blockieren die behördliche Abnahme und verschieben den Produktionsstart um Wochen.
  • Punch-Items, die als „unbedeutend“ eingestuft und nicht abgearbeitet werden, eskalieren beim Commissioning zu Stillständen.

Der Zeitdruck am Projektende führt oft dazu, dass Pre-Commissioning-Schritte als optional behandelt werden. Sie sind es nicht. Jede übersprungene Prüfung verlagert das Risiko in eine spätere Phase, in der die Behebungskosten deutlich höher sind.

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Wann ist Pre-Commissioning besonders aufwändig?

Der Aufwand steigt mit der Systemkomplexität, der Anzahl der Schnittstellen und dem regulatorischen Rahmen.


Chemie- und petrochemische Anlagen erfordern zusätzliche Prüfschritte wie Gefahrstofffreigaben, PSSR (Pre-Startup Safety Review) und behördliche Abnahmen durch notifizierte Stellen. Druckgeräte und Ex-Bereiche unterliegen eigenen Prüfpflichten. Bei großen Greenfield-Projekten dauert das Pre-Commissioning mehrere Monate und verläuft systemweise parallel zur noch laufenden Montage. Einzelne Subsysteme werden freigegeben, während andere Bereiche noch in der Bauphase sind. Diese Überschneidung erfordert klare Systemgrenzen und Isolationskonzepte, damit kein Medium aus einem bereits freigegebenen Teilsystem in einen noch offenen Bereich gelangt.

Wie wird Pre-Commissioning dokumentiert?

Jede Prüfaktivität braucht einen Nachweis, der später Teil des Anlagen-Dossiers wird. Dazu gehören Test Sheets mit Messwerten und Abzeichnung durch den zuständigen Ingenieur, Punch-Item-Listen mit Kategorie A (sicherheitsrelevant, muss vor Commissioning geschlossen sein) und Kategorie B (kann nachträglich abgearbeitet werden), Completion Certificates pro Subsystem sowie as-built-Zeichnungen, die alle Änderungen gegenüber der ursprünglichen Planung festhalten. Digitale Erfassung beschleunigt die Nachverfolgung offener Punch-Items erheblich, weil Verantwortliche direkt informiert werden und der aktuelle Status jederzeit abrufbar ist. Papierbasierte Prozesse erzeugen am Projektende regelmäßig Chaos beim Zusammenstellen vollständiger Dossiers.

flowdit unterstützt Teams dabei, Pre-Commissioning-Checklisten digital zu führen, Punch-Items in Echtzeit zuzuweisen und Completion Certificates direkt aus dem Feld heraus zu erstellen. So entsteht das Anlagen-Dossier nicht nachträglich am Schreibtisch, sondern während der Prüfungen selbst.

Weiterführende Erklärungen zu Fachbegriffen finden Sie in unserem Glossar.